PublikForum: Maßlosigkeit & Bescheidenheit

„Schon das Märchen vom Fischer und seiner Frau warnte vor Maßlosigkeit. Doch heute scheint die gesamte Gesellschaft von Gier getrieben.“ schreibt Matthias Weis (Wirtschaftswissenschaftler Universität St. Gallen/Schweiz) in der Zeitschrift Publik-Forum. Weiter schreibt er: „Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist eine Volksweisheit, die auch in wissenschaftlichen Studien bestätigt wurde. Größerer Reichtum trägt bei Menschen ab einem Jahreseinkommen von etwa 15.000 Dollar kaum noch zur Glückssteigerung bei. … Denn der persönliche Nutzen von Reichtum wird nicht aus seiner absoluten Höhe gezogen, sondern die Motivation eines ewigen Strebens nach Mehr liegt im Neid auf den Wohlstand anderer. … Neid, Gier, Habsucht und Maßlosigkeit wurden schon bei den griechischen Philosophen Aristoteles und Platon als verwerflich betrachtet. Auch die Bibel ist voll von Warnungen vor dem Streben nach Reichtum. So sagt etwa Jesus im Matthäusevangelium, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ginge, als dass ein Reicher in den Himmel käme … Mahatma Ghandi meinte: Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier. … Doch die Suche nach dem Begriff Bescheidenheit in der Wirtschaftsliteratur fällt ernüchternd aus. Auch die Kosumgüter-Werbung verbreitet mit Slogans wie ‚Sie haben es sich verdient’ oder ‚Nichts ist unmöglich’ ein gegenteiliges Weltbild. Politikern wird vorgeworfen, sie würden sich mehr um ihre eigene Zukunft als um jene des Landes sorgen. … Wenn gleich nach Ausscheiden aus dem politischen Tagesgeschäft lukrative Job-Angebote aus der Privatwirtschaft bei Unternehmen angenommen werden, welche zuvor Nutznießer politischer Entscheidungen waren, stößt dies besonders auf. … Die Politik schiebt den Schwarzen Peter gerne einer Gruppe mit potenziellem Vorbildcharakter zu, den Wirtschaftskapitänen. Doch bei steigenden Gewinnen zu entlassen, gehört schon fast zum guten Ton. Vollmundig werden immer höhere Eigenkapitalrenditen propagiert und von den Aktionären dann auch gefordert … Bescheidenheit hat nicht gerade Hochkonjunktur .. Die Konsequenz muss lauten: Bescheidenheit ist eine Tugend, die es täglich aufs Neue zu leben gilt. Sie fängt nicht erst bei Managergehältern an und hört auch nicht bei Tarifverhandlungen auf. Bin ich bereit, mehr für meinen Kaffee zu zahlen, wenn er aus biologischem Anbau und fairem Handel stammt? Kaufe ich das billigere T-Shirt, auch wenn ich nicht weiß, ob indische Kinderhände daran genäht haben? Wie sieht es mit meinem Beitrag zum Klimaschutz aus? Kaufe ich ein Sport Utility Vehicle (SUV) oder eine Hybridauto? Brauche ich überhaupt ein Auto? Erwarte ich von meinem Investmentfonds vor allem eine hohe Verzinsung, oder lasse ich mich auch von ethischen Überlegungen leiten? … All diese Fragen können nur wir selbst beantworten, aber wir können dabei auch immer Vorbildsein, so wie wir uns an Vorbildern orientieren. Jedes einzelne Unternehmen besteht aus Menschen. Diese Menschen bringen Werthaltungen mit, die sich im Wirtschaftssystem widerspiegeln. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel! … Demografischer Wandel im Norden und Überbevölkerung im Süden, das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich, hohe Arbeitslosigkeit und Klimawandel sind Herausforderungen, die mit einer ‚Höher!-Schneller!-Weiter!’-Mentalität nicht zu bewältigen sind. Einsolcher Paradigmenwandel verlangt nicht nur auf individueller E bene Veränderungsbereitschaft. Unser Wirtschaftssystem ist nicht nur auf Wachstum ausgerichtet, sondern geradezu darauf angewiesen. Und obwohl unbestritten ist, dass sich der westliche Lebensstil nicht von sechs Milliarden Menschen kopieren lässt, wird in den Wirtschaftswissenschaften noch kaum über Alternativen diskutiert. Von Albert Einstein stammt die Erkenntnis, dass Probleme nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden können, die sie erzeugt haben. In diesem Sinne wäre wohl zukünftig mehr Beschiedenheit angebracht!“

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